Neulich mitten im Wald. Es ist feucht und dunkel und es duftet nach nassem Laub, Holz und Pilzen und sich verwandelnder Natur. So wie im Frühjahr alles sprießt – so zieht es sich im Herbst zurück und begibt sich zur Ruhe.
Doch die Ruhe täuscht; denn im Verborgenen ist jede Menge los. Mikroorganismen bauen ab, bauen auf, Nährstoffe werden eingelagert, damit sie beim nächsten Zyklus wieder bereit sind.
Das ist für mich eine wunderbare Vorstellung. Alles hat seine Zeit.

Ich bin kein großer Freund von jener Art positiven Denkens, die jedes Gefühl von Trauer und Zorn unter sich vergräbt. Das ist, als bedecke man eine wild wuchernde Gartenecke unter einer bunten Plane, in der Hoffnung, alles sehe hübsch aus und das Menschlein müsse sich nicht mehr damit beschäftigen.

Aber so funktioniert das nicht. Jedes Gefühl hat das Recht anerkannt zu werden. Mein innerer Schatten ist da – und das ist in Ordnung. Decke ich alles einfach nur zu, so wird es trotzdem wachsen und irgendwann die begrenzende Hülle ausbeulen, darunter hervorkriechen und erst recht wuchern. Man kann die Ränder auch festbetonieren. Viel würde das nicht nützen. Es würde faulen und gären und irgendwann kommt es an den Tag.

Dass wir uns mit diesem Virus herumschlagen müssen, ist wirklich nicht schön. Aber es zu leugnen und die Augen zu verschließen, bringt außer steigenden Infektionszahlen nicht viel. Ich kann auch trotzig reagieren – bringt genauso wenig.
Aber ich kann die Tatsache annehmen und versuchen, mein Leben so gut es eben geht weiterzuleben. Wobei mir das Virus selbst keine Angst macht. Masken tragen ist nicht angenehm und keine Garantie; aber es verringert die Ansteckungsgefahr; dazu ein wenig Abstand halten – und wir haben schon mal eine Grundlage geschaffen.
Ich verstehe nicht, was daran so schlimm sein soll?
Mir bereiten die Menschen Sorge, für die diese Maßnahmen eine fürchterliche Zumutung bedeuten und die mit ihrer Unachtsamkeit nun das ruiniert haben, was im Frühjahr erreicht wurde.

Wir werden sehen, ob sich die Kurve wieder drücken lässt – doch ich bin guter Dinge. Heute beim Einkaufsgang durch die Stadt, sehe ich die Menschen, wie sie sich bemühen, die Regeln einzuhalten. Manche mit Trotz oder Furcht in den Augen; aber viele mit einem freundlich verständnisvollen Ausdruck – man muss nur genau hinschauen. Ich sehe Menschen, die mit zwei und mehr Einkaufszetteln unterwegs sind, um andere zu versorgen. Und das macht mir Hoffnung.

Natürlich ist es nicht schön, so oft es geht auf Distanz zu bleiben. Ich bin auch traurig, dass meinen Kindern der Start in ihr Berufsleben im Moment so schwer gemacht wird.
Aber auch damit werden wir zurecht kommen und daran wachsen.

Und in der Zwischenzeit werde ich meinen Blick auf das Schöne richten. Ich werde im Wald für einen Moment stehen bleiben und die Wandlungen der Natur erschnuppern. Und ich werde die Wunder der Natur mitten in der Stadt an einem zugewucherten Zaun entdecken.

5 Gedanken zu “Allein unterwegs auf der Spur des Schönen

  1. Leugnen bringt gar nichts, da bin ich ganz deiner Meinung, liebe Sabine. Für mich ist das kein positives Denken, sondern Verdrängen und Leugnen. Ich kann die Augen verschließen und so tun, als ob alles gut ist, klar, aber das ist in meinen Augen nicht Positives Denken, sondern den Kopf in den Sand stecken und hoffen, dass mich keiner sieht, weil ich auch keinen mehr sehe. Dabei ist der Poppes, der in die Höhe gereckt ist, allerdings in größter Gefahr. *lach* Man stelle sich vor eine Horde wildgewordener Stiere wäre hinter mir her, und ich würde stehen bleiben und den Kopf in den Sand stecken … 😀

    In meinen Augen funktioniert positives Denken eher so, dass ich daran glaube, dass wir das wieder hinbekommen. Vielleicht nicht heute, vielleicht auch nicht morgen, aber dass es wieder gut wird. Auf welche Weise auch immer. Dass wir einen Weg finden.
    Positives Denken heißt für mich auch nicht, dass ich nicht traurig, wütend oder ängstlich sein darf. Denn alle diese Gefühle dürfen sein und müssen auch sein. Da bin ich ganz bei dir. Wenn man zu viel unter den Teppich kehrt, kommt es irgendwann explosionsartig zu Tage … piffpaffpuff… und ich ersticke am Staub.

    Ich denke, wir tragen alle nicht gerne eine Maske, zumindest geht es mir so, ich finde es ätzend, wenn die Brille beschlägt, aber ich trage sie, dort wo es angebracht ist. Wenn es hilft, sollte die Vernunft siegen. Alles andere bringt doch wirklich nichts.
    Mir tun inzwischen die Menschen leid, die tatsächlich glauben, eine große Verschwörung hinter allem zu sehen. Wie viel Angst sie doch haben müssen. Zum Glück gibt es aber viele Menschen, die mithelfen, dass wir mehr oder weniger gut durch diese Krise kommen. Denken wir positiv.

    Und ja, auch in dieser blöden Krise gibt es viel Schönes zu entdecken.
    Wald habe ich hier ja weniger, aber wenn ich mit Felix spazieren gehe, dann gibt es Tage, an denen alles stimmt. Das Wetter, die Luft, ein braver Felix 😉 … dann komme ich mir manchmal vor, als wäre ich im Paradies. Hach, das genieße ich, denn dann ist für eine Weile die Welt in Ordnung.

    Liebe Grüße,
    Martina

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