Heute morgen zum Frühstückskaffee – im Reader gestöbert – da stellt Aequitasetveritas  in ihrem Blog wieder mal eine Frage, die mich beschäftigt. Und weil sie nicht aus meinem Kopf will, schreib ich sie hier auf. Das Problem: ich hatte vor ein paar Wochen ein Buch gelesen, das ich einfach nicht mehr hatte weglegen können – aaaber mir wollte partout nicht einfallen, welches es war. Und weil ich zu Weihnachten Temporär-Überflüssiges wegräume, weil alles wegen des Christbaums zusammenrücken muss, hat es eine Weile gedauert, bis ich es fand:

Ich kann mich nicht erinnern jemals ein Buch gelesen zu haben, das so unspektakulär daherkommt und doch einen solch starken Sog entwickelt. Und eigentlich gehört es gar nicht mir – eine Verwandte hatte es ein paar Monate zuvor vergessen …

Die Geschichte ist schnell umrissen. Es geht um den aus einem kleinen Ort am Attersee kommenden, jungen Franz Huchel, der zu seinem Onkel ins Wien der Dreißiger Jahre geschickt wird, um in dessen Trafik zu arbeiten. Eine Trafik ist in Österreich ein Laden für Zeitschriften, Tabak- und Schreibwaren, Ansichtskarten, Fahrscheine …
Eine seiner Hauptaufgaben besteht darin, täglich alle Zeitungen zu lesen, die hier verkauft werden. Wir können miterleben, wie sich allmählich die Atmosphäre ändert, als der Nationalsozialismus sich in Wien breit macht.

Franz erlebt an seinem Umfeld, was diese Ideologie aus den Menschen um ihn herum macht. Angefangen mit seinem eigensinnigen Onkel, der sich mit den Leuten von der Gestapo anlegt, den nachbarlichen NS-Sympatisanten und seiner ersten großen Liebe Anezka. Sie arbeitet in einem Hinterhofkabarett und lässt sich aus praktischen Gründen mit einem SS-Mann ein.
Interessant finde ich vor allem, dass einer der Stammkunden Sigmund Freud ist; ihm trägt Franz die Neue Freie Presse und Zigarren zur Wohnung. Es entwickelt sich eine freundschaftliche Beziehung zwischen den beiden, und als Franz unter Liebeskummer leidet, bittet er den alten Mann um Rat.
Der empfiehlt ihm, seine Träume aufzuschreiben – „Wir tasten uns mühselig durch die Dunkelheit, um wenigstens hier und da auf etwas Brauchbares zu stoßen …

Ganz ruhig ist die Erzählweise und doch – sie macht mich tief in meinem Inneren unruhig, wenn Lügen und Propaganda sich in das Denken der Menschen fressen; wenn manche nur allzu bereit sind zu glauben, sie seien die Herren der Welt und alles andere wäre unwert zu leben.

Heureka! Jetzt bin ich’s los – jetzt kann ich an meinem eigenen Manuskript weiterarbeiten.

12 Gedanken zu “Dienstag zur Montagsfrage: Lesehighlight 2020

  1. Dieses Buch ist vor kurzem auch ganz wunderbar verfilmt worden. Nach deiner Empfehlung werde ich es mal ganz weit oben auf meine Muss-Lesen-Liste setzen – leider werden die Stadtbibliotheken Münchens voraussichtlich frühestens Mitte Januar wieder ihre Pforten öffnen.
    Liebe Grüße!

    Gefällt 2 Personen

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