Kommt schon mal vor, dass ich mitten in der Nacht etwas notieren muss, damit ich wieder einschlafen kann
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Und letzte Nacht ist mir Gustave Le Bon und sein Werk über Massenpsychologie eingefallen. Er war Mediziner, Anthropologe, Psychologe und Soziologe und schrieb dieses Buch unter dem Einfluss der französischen Krisenzeiten am Ende des 19. Jahrhunderts. Er war ein Mensch seiner Zeit und hatte damit eine hierarchische Sicht auf Rassen und Geschlechter, doch manche seiner Schriften werden noch heute diskutiert.
Einen Absatz finde ich besonders interessant: „Meistens sind die Führer keine Denker, sondern Männer der Tat. Sie haben wenig Scharfblick und könnten auch nicht anders sein, da der Scharfblick im allgemeinen zu Zweifel und Untätigkeit führt. Man findet sie namentlich unter den Nervösen, Reizbaren, Halbverrückten, die sich an der Grenze des Irrsinns befinden. So abgeschmackt auch die verfochtene Idee oder das verfolgte Ziel sein mag, gegen ihre Überzeugung wird alle Logik zunichte.

Immer wieder gibt es Menschen, die zur richtigen Zeit – oder soll ich lieber schreiben ‚zur falschen Zeit?‘ – parat stehen. Sie können Stimmungen aufgreifen und schaffen es ganze Menschenmassen zu begeistern und in den Abgrund zu führen. Wir wissen von einigen – Hitler, Mao, Stalin, Pol Pot … 
Und überall auf der Welt gibt es Zeichen solcher Unzeiten:

a time for healing „

Diese Skulptur des Bildhauers Michael Pohlmann steht auf der kleinen Kall-Brücke im Hürtgenwald. Sie steht für einen Moment der Menschlichkeit während der Schlacht im Hürtgenwald, als der deutsche Stabsarzt Dr. Stüttgen im November 1944 einige Feuerpausen für dieses Gebiet aushandelte, so dass verwundete Soldaten beider Seiten versorgt werden konnten.

Machtübernahmen finden fast immer in Krisenphasen statt – einfache Rezepte für komplizierte Gegebenheiten, anfangs Jubel auf allen Seiten, der im Laufe der Geschichte in Katastrophen und Bösem Erwachen führt.

Darum hat es seinen Grund, dass in einer Demokratie Gewaltenteilung festgelegt ist. Es sind Menschen, die von Menschen vertreten werden. Es wird immer Neid, Niedertracht und Kränkungen geben – nur Gewaltenteilung kann Machtverschiebungen verhindern.

Ja – Demokratische Prozesse können langwierig sein, fühlen sich kompliziert an oder scheinen Umwege zu gehen. Aber das müssen wir aushalten.
Und wir müssen die Warnzeichen erkennen können. Es kann nicht sein, dass ein demokratisch gewählter Präsident Lügen verbreitet, zur Gewalt anstachelt und an den Pfeilern der Gewaltenteilung sägt, um noch mehr Macht zu bekommen. 
Ich sehe die Aufnahmen vom US-Kapitol – wie der Mob auf zu wenige Sicherheitskräfte trifft und ich frage mich: Wie konnte das kommen? Wie kommt es, dass die Nationalgarde erst nach über einer Stunde von Pence aktiviert wurde?

In diesem Sinne – seien wir misstrauisch, wenn jemand mit einfachen Lösungen um die Ecke kommt; oder wenn andere Menschen diffamiert werden, um das eigene Selbst zu erhöhen und um ein vermeintliches Gruppengefühl zu erzeugen.

An der Küste der Normandie – Graffiti auf einem Bunker aus dem 2. Weltkrieg

16 Gedanken zu “Nachtgedanken – über Gewaltenteilung

  1. Der Trumpel hat sich gestern lt. Informationen aus dem Weißen Haus vehement geweigert, die Nationalgarde zu aktivieren. Sein Stab und Mike Pence hatten ihm mehrmals dazu geraten, ohne Erfolg…
    Ich habe grade auf CNN mitbekommen, dass es sehr umständlich wäre, vor der Amtseinführung Bidens den 25. Verfassungszusatz durchzubringen. Während des komplizierten Verfahrens hätte Mike Pence anstelle des Präsidenten die Macht inne. Und das wäre auch nicht grade ungefährlich. Auch wenn sich der Vizepräsident gestern als sehr integer, umsichtig und vernünftig erwiesen hat, er ist nach wie vor ein bekennender Evangelist mit teilweise ziemlich merkwürdigen Ansichten…
    Die Führer des Repräsentantenhauses und des Senats könnten allerdings in den nächsten Tagen zu dem Schluss kommen, dass aufgrund psychischer Störungen der Trumpel nicht mehr regierungsfähig ist und als Gefahr für das Land isoliert werden muss. Dann würden die USA bis zur Amtseinführung von Joe Biden von Mike Pence, Nancy Pelosi und Mitch McDonell geführt werden…

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      1. Der Pence hat während seiner Zeit als Gouverneur von Indiana – 2013 bis 2017 – versucht, ein Gesetz durchzubringen, das Ladenbesitzern erlauben soll, mit dem Verweis auf ihren Glauben Homosexuellen Dienstleistungen und den Kauf von Waren untersagen soll. Er glaubt als Evangelikale an das sogenannte Intelligent Design und lehnt die Evolutionstheorie ab. Ich halte ihn seit fünf Jahren schon für mindestens genauso gefährlich wie den Trumpel.

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  2. „einfache Rezepte für komplizierte Gegebenheiten“ – das halte ich für eins der größten probleme unserer zeit. die menschen sind unsicher in der komplexen welt, sie wünschen sich die vermeintliche einfachheit von „früher“ zurück und rennen blindlings irren nach, die behaupten, sie ihnen zurückgeben zu können 😦

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  3. „mit Unsicherheit leben“ – ich denke, das ist eine der wichtigsten Lektionen in dieser Neuen Welt. Vor allem mit den neuen Medien bekommt man jede Menge Chancen, sich aufzuregen.
    Bleibt man dann noch in seiner Blase hängen, wird es schwierig …
    🤔

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