Ja – da hat mir der gute Jules van der Ley eine feine Steilvorlage geliefert. Wie ist das so mit dem Grüßen? Wie begegnet man einem Jemand … einer Jemandin, wenn nicht in erwarteter Weise gegrüßt wird? Oder angenommen – alle grüßen und man selbst schweigt, kuckt lächelnd nur so rum und bleibt somit außerhalb des Kreises?


Ich selbst finde den Akt des Grüßens außerordentlich spannend. Vor allem, wenn man in eine neue Gegend zieht und die Fühler ausstreckt – wer oder was wohnt dort … wer kann mit wem und mit wem nicht … 
Es gibt in jedem Viertel das ein oder andere Menschenkind, das sehr verhalten ist. Mir wird dann von anderen erzählt (mir wird gern alles mögliche erzählt – aber das ist ein anderes Thema), dieses Menschenkind sei ein wenig seltsam und man winkt ab. Allerdings will ich so etwas selbst herausfinden und bei der nächsten Begegnung wird offensiv gegrüßt. In den meisten Fällen funktioniert das ziemlich gut und es entstehen schon mal nette Gespräche – mehr braucht der Mensch nicht. Es genügt, dass mein Gegenüber das Du-wirst-gesehen spürt.

Ich weiß, das ist eigentlich gemein. Ich nehme das Andere in den Grüße-Schwitzkasten und es muss reagieren. Aber wer weiß, warum das so ist? Schließlich hat jeder Mensch seine eigene Geschichte. Denn ich habe auch festgestellt, dass manche nachbarliche Vorurteile-Klatschmaschine „andere“ in eine Ecke stellt, aus der kein Entrinnen ist – und das kann ich nicht so stehen lassen; also wird ein freundliches „Guten Tag“ geflötet. Und in fast allen Fällen reagieren die Betroffenen spätestens beim dritten Mal entspannter. Wer es bis dahin nicht schafft, darf gern im Kokon bleiben und ich störe nicht mehr.
Diese Einsiedlerkrebse kenn ich nämlich auch. Die huschen ganz schnell in ihr Gehäuse, wenn ich um die Ecke komme. Aber auch hier gilt – beim dritten Mal ignorieren, werden auch sie entspannter. Sie müssen dann nicht mehr mit der Tür in ihre Wohnungen fallen.



Faszinierend finde ich auch die Wandergruß-Kultur. Die ist nicht in allen Regionen gleich ausgeprägt. Hier in der Eifel (außer es ist Corona-überfüllt) wird so gut wie immer freundlich gegrüßt, wenn sich meine Wege mit denen anderer kreuzen. Es ist auch kein flüchtiges – sondern ein erkennendes „Guten Tag“. Man schaut erfreut – da kukk ein Bruder … eine Schwester im Geiste … schau schau, wie schön es hier ist, wir haben etwas gemeinsam … und geht wieder seines Weges.


Einen Grüße-Code zu ignorieren kann auch eine Waffe sein. Wenn mir der fremde Drücker an der Haustür die Hand entgegenstreckt – meinen Plexus solaris quasi anvisiert – verschränke ich meine Arme und er weiß ganz genau, dass er die erste Schlacht verloren hat. Sollte dieses penetrante Mensch nicht geneigt sein diese Geste zu verstehen – o-oooh – dann werd ich ein wenig böse.

Grüßen ist etwas, über das man eigentlich nur nachdenkt, wenn man sich in einer nicht vertrauten Umgebung befindet. Muss ich in eine mir fremde Gesellschaft, so bin ich gerne bei den ersten Besuchern. Ich kann beobachten, in welcher Variation die gesellschaftlichen Codes ausgelebt werden und ich kann mich – innerhalb meiner persönlichen Grenzen – darauf einstellen. Muss ich dabei alles mitmachen?
Nein – ich denke nicht, dass ich das muss. Es kann schon mal sein, dass dann etwas aus dem Gleichgewicht gerät. Spätestens beim Begrüßungssekt muss ich passen – dann wird sich zeigen, wie eng die Codes in dieser Runde gesetzt sind. Gehöre ich mit meinem Glas Apfelschorle mit dazu oder bleibe ich das Fremde …

Grüßen erscheint mir wie der Schmierstoff, der eine Gesellschaft, die aus unterschiedlich fühlenden Individuen besteht, erst möglich macht. Jules beschreibt das so schön als „Fernkraulen“ – ein wunderbares Wort. Es hilft, um sich gegenseitig einschätzen zu können, Macken auszugleichen. Ist es zu wenig, knirscht es im Getriebe, schlimmstenfalls reißt der Kontakt ab, man wird oder bleibt sich fremd.
Ist es zuviel, kann man schon mal ausrutschen – und dann wirds eklig.

9 Gedanken zu “Über Gruß und Grüßen – just my 2 cents

  1. Sehr interessante Reflexionen zu diesem Thema, Sabine! Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an unseren Morgenspaziergang im März 2020, bevor er uns verboten war. Meine Tochter und ich begegneten in einer halben Stunde im Schnitt jeweils drei Menschen. Einer führte den Hund aus, einer lief wie wir, aber diese Personen wechselten von Tag zu Tag. Sie hatten nur eins gemeinsam: Sie antworteten nicht auf unseren Gruß, es war diese verbissene Unsicherheit zu Beginn der Coronakrise, es schien, sie fürchteten eine Ansteckung. Zum Glück gab es auch einen Fahrradfahrer. Jeden Morgen begegneten wir ihm und er grüßte uns immer sehr nett. Sein „Ciao“ war mein Lichtblick in dieser dunklen, absurden Zeit.
    Ciao auch von mir an dich! 😊 Anke

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  2. Du hast die Steilvorlage vom lieben Jules hervorragend umgesetzt!…
    Hier im Süden grüßt man beim Wandern ja auch stets die entgegen kommenden Personen. Ich finde, das ist ein sehr schöner Brauch, den ich auch gerne pflege. Wenn mal jemand nicht zurück grüßt – ja, mei, wer weiß, was dem im Laufe des Tages für eine Laus über die Leber gelaufen ist, und vielleicht ist diese Mensch auch nur völlig gedankenverloren unterwegs.
    Fernkraulen ist ein gar feines Wort und beschreibt das Grüßen sehr gut. Und ich denke auch, dass Grüßen etwas mit dem Respekt vor seinen Mitmenschen zu tun hat. Und grade in der heutigen Tag sollte man es am Respekt in keinster Weise mangeln lassen – auch wenn man damit leider des Öfteren völlig entgegen des vermeintlichen Zeitgeists schwimmt…
    Liebe Grüße – komm gut in die neue Woche!

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  3. Fehlt noch das Grüssen beim Biken, Bootfahren oder Entgegenkommen eines Kultautos gleicher Marke. Zeit für einen verbindlichen „Grüsser Knigge“ . Die bisherigen Beiträge als Vorworte sind da wohl selbstverständlich.🙂 In der Tat bin ich nach meinem Umzug aus der Rhein-Main Metropole in ein Dorf in MeckPomm überrascht, dass hier deutlich mehr gegrüßt wird. Vielleicht weil es hier nicht so viele Menschen gibt 🙂

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    1. Jaaa 😄 das Biker-Grüßen wäre ein Beitrag für sich.
      Ich denke auch, das hat was mit der Leute-Dichte zu tun. Bei einem Wanderweg, der gut frequentiert ist, weil die Leute zur Zeit nicht in den Urlaub fahren können, lässt die Grüßerei nach. Das wird dann selbst mir lästig. Ein freundlicher Blick tut’s dann auch.
      Liebe Grüße
      Sabine

      Gefällt 1 Person

  4. Sehr spannender Post. Du hast so recht, grüßen ist so eine Art Geheimcode. Weißt du wie, gehörst du dazu. Bis heute weiß ich in meinem Wahlwohnland NL nicht, wann wo welcher Gruß angebracht ist. Sorgte schon für manches Fettnäpfchen. 🙂

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    1. Manchmal sind es nur Feinheiten 😁 und ‚pfump‘ sitzt man drin …
      Wahrscheinlich muss man einfach reinwachsen – es gibt Dinge, die kann ein Sprachkurs nicht vermitteln. Und soviel ich weiß, sind selbst in den kleinen Niederlanden die Regionen recht verschieden.
      Leuk dat je me bezoekt 😊
      Groetjes Sabine

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