Aus dem Schlaf gerissen

Europas Alptraum



Europa – gerissen aus trügerischem Schlummer – findet sich in einem Alptraum wieder. Es gab genug Warnungen, ob das eine gute Sache sei, wenn man sich von einem System abhängig mache, das zusehends autokratische Züge annehme.
Aber Geld stinkt nun mal nicht, und es wurde das Argument angeführt, bis jetzt würde die Sache wunderbar funktionieren und außerdem – je verknüpfter die Staaten, umso geringer die Kriegsgefahr – Wandel durch Handel.

Nun – den letzten Punkt können wir abhaken. Ein kleiner Traum, der da heißt – Friede durch Handel und Olympiaden – er ist ausgeträumt.
Aber von einem alten Traum scheint der Staub abgefallen zu sein. Noch bis vor kurzer Zeit ätzten vor allem rechtspopulistische Parteien gegen die europäische Idee, von denen einige (oh wie erstaunlich) Parteispenden aus russischen Kanälen erhielten.

Die europäische Idee ist hellwach, und man ist sich faszinierend schnell über Sanktionen einig geworden.

Und jetzt? Quo Vadis Europa …

Finnland und die baltischen Staaten rücken aus Furcht noch näher nach Westen, die übrigen ehemaligen Länder des früheren Warschauer Pakts fühlen sich nicht mehr sicher, und mit jedem Ruck nach Westen wird der Zorn des entfesselten Bären größer.
Welche Optionen gibt es noch? Putin bleibt dabei – er will die Ukraine ‚befreien‘ … und – es gebe noch einige Länder, die ‚befreit‘ werden müssten.
Wie will man neben einem Aggressor leben … mit einem lügenden Diktator Verhandlungen führen?

Immerhin – Europas Reihen sind geschlossen – gemeinsam mit fast allen anderen Staaten in der Welt.
Man wird wohl an einem europaweiten Verteidigungssystem arbeiten müssen – aber bitte ohne Pathos und Kriegsgeschrei.
Die Realität ist wahrhaft gruselig – und doch pflege ich den kleinen Traum: Der still kluge Teil der russischen Regierung möge sich gegen die Kriegstreiber stellen und ihnen das Zepter aus der Hand nehmen …


Nichts ist perfekt in dieser Welt – kann es auch nicht, denn der Mensch selbst ist fehlerhaft. Deshalb darf – auch wenn Entscheidungsprozesse dadurch verlangsamt werden – die Macht nie in wenigen Händen liegen:




Nachtgedanken – über mutige Menschen

Kommt schon mal vor, dass ich mitten in der Nacht etwas notieren muss, damit ich wieder einschlafen kann
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Heute vor 100 Jahren wurde Andrej Dmitrijewitsch Sacharow geboren. Er war ein russischer Physiker und promovierte 1947 in Kernphysik an der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften. Anschließend arbeitete er am sowjetischen Kernwaffenprogramm mit und war maßgeblich an der Entwicklung der Wasserstoffbombe beteiligt. 
Bis dahin war er überzeugt, dass nur ein nukleares Gleichgewicht Kriege verhindern könne. 

Doch in den folgenden Jahren setzte ein Umdenken bei ihm ein, und er stellte sich mehr und mehr gegen das sowjetische Regime. Er setzte sich ein für internationale Abrüstung, Menschenrechte, Demokratisierung der Sowjetunion und prangerte die Behandlung politischer Häftlinge an. 
Doch die Repressionen endeten nicht – also trat er selbst in den Hungerstreik. Für diesen Einsatz wurde ihm am 10. Dezember 1975 der Friedensnobelpreis verliehen, den seine Frau an seiner Statt entgegennahm.
Immer wieder setzte sich Sacharow mit Hungerstreiks für die Belange inhaftierter sowjetischer Bürgerrechtler ein. Damit wurde er endgültig zum Staatsfeind und musste bis 1984 unter Aufsicht des KGB in Gorki leben. Sein einziger Kontakt zur Außenwelt blieb seine Frau. Die Verbannung dieses berühmten Paares endete 1986, und der damalige Parteichef Michail Gorbatschow bat ihn, seine politischen Aktivitäten wieder aufzunehmen. 
Obwohl er geschwächt war durch mehrere Herzinfarkte und die Folgen der Hungerstreiks, arbeitete er noch bis zu seinem Tod am 14. Dezember 1989 als Parteiloser bei einer Arbeitsgruppe mit, die versuchte, die sowjetische Verfassung zu reformieren.

Wenn ich von solchen Menschen lese, bin ich immer wieder tief beeindruckt. Wo haben sie diese Stärke her, einfach weiter zu gehen, auf Kosten ihrer Gesundheit und ihres Lebens. Gegen so viel Übermacht … 

In diesem Sinne – erinnere ich hier an einen großen Verfechter der Demokratie. 
Sie ist nicht perfekt – aber das ist der Mensch auch nicht – wie ich in einem meiner vorherigen Artikel schon einmal schrieb:
https://spinnradl.wordpress.com/2021/01/07/nachtgedanken-uber-gewaltenteilung/


Nachtgedanken – Natur oder doch nicht?

Kommt schon mal vor, dass ich mitten in der Nacht etwas notieren muss, damit ich wieder einschlafen kann
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Was ist Natur – oder natürlich? Der Wald, in dem wir spazieren gehen … der XXApfel, der perfekt glänzend in der Kiste beim Supermarkt zum Verkauf angeboten wird … der Bioapfel, der von einem neben der Landstraße liegenden Gelände stammt … die Einzelteile, in die wir uns nach unserem Tod zerlegen … die Pest, die seinerzeit einen Kehraus unter den Menschen veranstaltete … die Impfungen gegen Pocken und Kinderlähmung, die das menschliche Immunsystem tunen …


Im Sog der Natur …

Man könnte natürlich ganz einfach wie der Bösewicht aus Dan Browns Thriller ‚Inferno‘ argumentieren – die Entwicklung der Menschheit sei alles andere als natürlich, denn es gibt zu viele von uns. Keine wilden Tiere oder Krankheiten, die den Menschen auf eine akzeptable Anzahl schrumpfen lassen. Also macht er sich daran, einen tödlichen Erreger unters Volk zu mischen.


Aber wer will das Rad wirklich zurückdrehen – außer ein paar extreme Menschen möglicherweise. Was verstehen diese wirklich unter ‚zurück zur Natur‘ …
Und doch – eines ist ja nicht falsch – eine Pandemie kann sich besonders gut entwickeln, wenn sich viele Wirte als Träger anbieten, und als Bonus reisen die auch noch überall auf der Welt herum. Unser aktuelles Problem hat jedoch die unangenehme Eigenschaft, sich besonders schnell zu verbreiten und das auch noch in einer Phase, in welcher der Überträger noch nichts davon weiß. Man könnte meinen, es hat der menschlichen Hybris eine Nase gedreht – aber es ist nur eine Mutation, die diese Lücke gefüllt hat. Es gibt jede Menge andere ‚Fehlversuche‘, die nichts verbessern – hier ist die Mutation in eine Sackgasse geraten. 
Im Moment sieht es so aus, als würde sich die Steigerung bremsen – das heißt für mich Impfungen und Maßnahmen zeigen ihre Wirkungen, doch noch immer ist Geduld gefragt. Auf Intensivstationen werden die Zahlen genau beobachtet, um immer einen gewissen Prozentsatz frei zu halten – schließlich darf man nicht vergessen, dass die Kurve der Infektionen jener der Intensiv-Einweisungen ein Stück vorauseilt. Und ein wenig Platz für Herzinfarkte, Unfallopfer und sonstige brauchen wir ja auch noch.


In diesem Sinne – tun wir unser Bestes, um dem Virus die Verbreitung so schwer wie möglich zu machen.


Denn die Natur ist – nicht schön, nicht besser, nicht böse – sie ‚ist‘. Sie hat ihre natürlichen Gesetze. Und in diesem Rahmen versucht der Mensch seine Nische zu finden – eine sehr große Nische, über deren Verwendung dringend nachgedacht werden muss.
Sollte die menschliche Spezies allzu viele dieser Gesetze beugen, wird er sich vor allem selbst schaden – die Natur in ihrer Gesamtheit wird immer ihren Weg finden. Aber das ist ein anderes Thema.

Nachtgedanken – Naturverschwörung

Kommt schon mal vor, dass ich mitten in der Nacht etwas notieren muss, damit ich wieder einschlafen kann
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Der Mond stand am Himmel und machte die Nacht zum Tag, als ich über eine Meditation nachdachte. Bei dieser lasse ich Gedanken einfach vorbeiziehen, ohne sie zu bewerten. Ich stelle mir vor – ich liege am Waldrand und über mir ziehen die Ideen, Erinnerungen, Zorneswölkchen, Trauerschleier und alles, was mich so bewegt am Himmel entlang. Sollen sie doch. Im Moment kann ich zur Lösung nichts beitragen – also lasse ich sie ziehen.
Der nächste Schritt – ich konzentriere mich auf meinen Körper und auf den Untergrund, auf dem er ruht. Irgendwann beginnen sich die Grenzen aufzulösen, und weil ‚Kaltschaum-Matratze‘ so profan klingt, denke ich an etwas Hübscheres.  Meine Phantasie legt mich auf eine Wiese. Sie darf ruhig ein wenig mit Moos durchzogen sein, weich und grün und von der Sonne getrocknet.
Es duftet nach Blättern, Erde, Holz … es raschelt, knistert, Windhauchen … streicht über meine Haut … mein Körper wärmt das Bett aus Natur, Grenzen lösen sich auf … zerfließen … ich bin alles, bin Mensch, bin Gras und Moos …


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Als ich wieder auftauche, kommt mir in den Sinn, dass es doch faszinierend ist, was die Natur so alles kann und wie sich die Lebewesen – allen voran der Mensch – entwickelt haben. Ich staune über die Weisheit der Natur. Vor allem die Geschwindigkeit, mit der die Entwicklung geschah, die Ausdifferenzierungen und all das konnte nur geschehen, weil sie einen Transporteur hatte, der bei der Verteilung der Informationen half – und noch immer mithilft:
Die Viren!
Knapp die Hälfte des menschlichen Erbgutes besteht aus verstümmelten Virengenen, die man heute noch nachweisen kann.
Wer weiß – vielleicht haben sich die Götter der Natur gesagt, der Mensch könnte nun doch etwas in die Schranken gewiesen werden, schicken wir ihm ein anderes Virus. Holen wir ihn zurück in die Reihe und lehren wir ihn Demut.

Es gibt einen Film, der heißt „die Auslöschung“. Dort verwandeln sich in einer seltsamen Region Menschen allmählich in Pflanzen. Wer weiß, wer weiß, ob so etwas möglich wäre? Schließlich ist alles im Wandel, wie ich schon einmal schrieb. Diesmal ein Wandel der besonderen Art.
Na das wär doch eine anständige Verschwörungstheorie: Ein Virus, das uns heimholt ins Reich der Fauna – ‚back to the roots‘ bekommt dann einen ganz besonderen Klang. Schließlich sind wir alle aus denselben Grundstoffen gebaut wie die uns umgebende Pflanzenwelt.


Nachtgedanken – schlaflos

Kommt schon mal vor, dass ich mitten in der Nacht etwas notieren muss, damit ich wieder einschlafen kann
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Diesmal muss ich nichts notieren – ich bin einfach so wach. Draußen tippt der Regen an die Fensterläden, dröppelt, dippelt – als wolle er mir etwas sagen. Es ist so ähnlich wie bei kleinen Kindern, die ihre Eltern an den Kleidern zupfen und unaufhörlich – Papa? … Mama? sagen und einfach nicht aufgeben. 
Ich gebe schließlich auf, erhebe mich und tappe zum Fenster, schiebe den Vorhang zur Seite und öffne ein wenig eine Ladenhälfte. Glitzernd verschwommen, gelblich getönt von einer Straßenlaterne breiten sich die Gärten unter mir aus. Ach ja – Brille auf – jetzt kann ich auch die Zweige der Bäume sehen, wie sie gen Himmel zeigen.
Ein schönes Bild, so ruhig und ich ärgere mich nicht. Nein, ich bin nicht sauer darüber, dass ein uralter Reflex mich aus dem Schlaf zog und mir sagte:
Liebe Frau – es wird Zeit mal draußen nachzuschauen, ob nicht doch ein Exemplar der Gattung Smilodon um die Höhle schleicht. Säbelzahntiger und Menschen waren schließlich für eine gewisse Zeit Konkurrenten, und es gewann, wer in der Überzahl war. Und auch wenn der Mensch am Tag die Oberhand behielt, so war der Tiger wegen seiner scharfen Augen in der Nacht kaum zu überwinden.

Aber es gibt keine wilden Tiere mehr, die den Menschen hier in unserer industrialisierten Welt gefährden könnten. Da liegt man in der sicheren Behausung, mitten in der Nacht und das Gedankenkarussell dreht sich – wird durch immer neue Einfälle angeschubst und der Homo Sapiens ärgert sich.

Doch es gibt keinen Grund zum Ärgern, denn das war schon immer so. Das ist unser Erbe.
Wissenschaftler haben festgestellt, dass der menschliche Rhythmus ein ganz anderer ist als das Korsett, in das unser Leben gepresst ist. Schlafforscher ließen Probanden 14 Stunden in kompletter Dunkelheit verbringen und das zeigte, dass der Nachtschlaf sich in zwei Phasen teilte – mit einer Stunde Pause.

Das passt zu dem, was Historiker in akribischer Suche herausgefunden haben. Sie arbeiteten sich durch Traktate und Zitate und fanden heraus, dass der Mensch jahrhundertelang in Blöcken von ungefähr vier Stunden schlief.
In den Wachzeiten erzählten sie sich Geschichten, besuchten Nachbarn, tranken ein Schöppchen; Gelehrte empfahlen diese Stunden zum Studieren und Lesen, Kirchenmänner empfahlen sie zum Beten und wieder andere zum Kinder zeugen.


Falls aber jemand von euch nun auf die Idee kommen sollte, in den nächsten schlaflosen Nächten beim Nachbarn auf ein Pläuschchen zu klingeln – also von mir habt ihr das nicht …